Arbeitsschwerpunkte

Wissen online

Mich interessiert besonders der Wandel gesellschaftlichen Wissens, der durch das World Wide Web eingeleitet wurde. Denn das Internet gibt der Öffentlichkeit neue Artikulationsmöglichkeiten, was spätestens mit Einführung des Begriffs „Web 2.0“ weitläufig diskutiert wird. Die einstigen Autoritäten der Wissensproduktion und –distribution – das Wissenschaftssystem und die Massenmedien – haben dadurch ihre Monopolstellung verloren. Abweichende Weltdeutungen erhalten gleichzeitig durch das Web neue Chancen zur Rezeption und auch zur Organisation und Vernetzung. Ein Beispiel dafür sind alternative Sichtweisen zu den Terroranschlägen des 11. September 2001, die häufig als „Verschwörungstheorien“ bezeichnet werden und sich seit einigen Jahren im Gewand einer sozialen Bewegung („9/11 Truth Movement“) präsentieren und organisieren. Diesem Thema widmete ich mich in meiner Diplomarbeit, die ich am Wiener Institut für Technikfolgen-Abschätzung schrieb.

 

Bisherige Untersuchungen dieses Phänomens tendieren zu einer Pathologisierung solcher Ansichten und postulieren mehr oder weniger explizit ihre Falschheit. Wissenssoziologisch erscheint dies unbefriedigend, da solche Ansätze kaum Erklärungen für die durchaus beachtliche Popularität dieses „falschen“ Wissens liefern. Diesem Mangel soll mit der Diplomarbeit begegnet werden, indem eine konstruktivistische Perspektive eingenommen wird. Anstatt Fragen der Richtigkeit und Falschheit zu stellen, wurde dazu der Prozess gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion selbst zum Untersuchungsgegenstand gemacht, indem themenrelevante Diskussionsseiten in Wikipedia analysiert wurden.

 

Obwohl dies vielleicht auf Anhieb nicht ersichtlich ist, stellt dieses Thema gewissermaßen einen Schnittpunkt zu meinen anderen Arbeitschwerpunkten (der politischen Partizipation und der interaktiven Wissenschaft) dar. Denn selbstverständlich handelt es sich bei dem Phänomen der „9/11-Wahrheitsbewegung“ ebenfalls um eine Form politischer Beteiligung, wobei diese eben abseits formalisierter Verfahren und Entscheidungsprozesse stattfindet. Dennoch stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob durch derartige neue Formen der Wissensproduktion nicht auch gesellschaftlich und politisch relevantes Wissen generiert wird. Zudem spielen auch hier Experten-Laien-Problematiken eine Rolle: Können etwa Laien mit ihrem „gesunden Menschenverstand“ abschätzen, warum das World Trade Center einstürzte, oder werden dazu Experten benötigt? Welcher Expertise wird unter welchen Bedingungen Vertrauen entgegen gebracht?

 

An dieser Stelle wird auch der Schnittpunkt zum Themengebiet der interaktiven Wissenschaft sichtbar. Denn das Internet beeinflusst natürlich auch die akademische Kommunikation fundamental. Schon die Frage, in wie fern in diesem öffentlichen Raum von interner Wissenschaftskommunikation die Rede sein kann, muss differenziert beantwortet werden. Wie sind die hier entstehenden neuen Wissensformen einzuordnen? Handelt es sich etwa bei dem Journal of 9/11 Studies tatsächlich um eine wissenschaftliche Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren, wie auf der Seite behauptet wird? Zumindest für Laien dürften solche Grenzen im Internet mitunter kaum nachvollziehbar sein...

 

Zum Thema siehe auch mein Blog.